Michi wär gern drogenabhängig

Vor einiger Zeit habe ich einen jungen Mann am Handelskai kennen gelernt. Seine Geschichte hat mich tief berührt und deshalb möchte ich ihm heute Raum geben, dass sie erzählt wird.

„Ich wär’ so gerne drogenabhängig“

Alle Welt spricht von der Bekämpfung der Drogensucht, „Weg von dem Zeug!“ wird propagiert. Michi wäre gern wieder abhängig. Wieder – denn bis zuletzt spritzte er sich jahrelang Heroin. Michi ist einer der jungen Männer, die täglich am Wiener Handelskai Passanten um Geld fragen.

Der Handelskai gilt in Wien als sozialer Brennpunkt. Drogenszene und Armut haben hier für viele Außenstehende ein Bild der Verwahrlosung erzeugt. Die Anrainer beklagen sich hingegen vergleichsweise wenig, oder zumindest nicht mehr als in anderen Wiener Gemeindebezirken. Gute Öffi-Anschlussmöglichkeiten, die Nähe zur Donau, rundum Nahversorgung durch das Einkaufszentrum Millennium City und vor allem niedrige Mietpreise haben die Handelskai-Gegend zu einem attraktiven Zuzugsgebiet gemacht – besonders für jene mit wenig Geld.

Michi kann sich aufgrund seiner Sucht nicht einmal die „eh schon vergleichsweise günstige“ Wohnungsmiete hier leisten. Er lebt seit er aus dem Entzug entlassen wurde auf der Straße. Meistens schläft er unter einem Dach der U-Bahn-Station oder auf einem Spielplatz. „Den Entzug“, so sagt er „hab ich nur wegen der Mama gemacht. Sie hat versprochen, ich kann wieder bei ihr wohnen, wenn ich mit dem Zeug aufhöre.“ Als er aber dort ankam, musste er von einem neuen Mieter erfahren, dass die Mutter hier nicht mehr wohnt. Nüchtern ist das alles noch schwerer zu ertragen.

Seither bettelt Michi, wie viele andere (Ex-)Drogenabhängige, täglich am Handelskai um Geld. „Die anderen wollen die Kohle für den Stoff, ich will nur die paar Euro zusammenkriegen, damit ich mir eine Nacht in der Jugendherberge leisten kann. Ich will einfach nur im Warmen schlafen und mal meine Sachen waschen. Ich bin ja eigentlich clean.“ Vorsichtig versucht er die Flecken auf seinem T-Shirt zu überdecken, während er spricht.

Michis Mutter wohnt mittlerweile bei ihrem neuen Freund. Der Stiefvater lässt ihn nicht in das Haus, denn für ihn ist Michi „dreckiges Gesindel“. Diese Einstellung teilen auch viele Passanten am Handelskai, wenn sie um Geld gebeten werden. „Geh hackln, du Kanalratte!“ oder „Schleich dich und geh sterben, keiner braucht dich!“ hört man die Leute schreien, sobald sich ihnen ein Abhängiger nähert, um sie anzusprechen. Nähert sich Michi dem Haus seiner Mutter oder versucht sie zu treffen, so ruft der Stiefvater die Polizei. Und die ist, laut Michi, selten auf der Seite eines ehemaligen Junkies.

Elfriede ist Anrainerin, seit 12 Jahren wohnt sie in unmittelbarer Nähe der U-Bahn-Station Handelskai. Mehrmals täglich wird sie um Geld gefragt, sagt sie. „Ich muss selber jeden Euro zweimal umdrehen. Und die kommen daher, leben von Sozialhilfe und wollen mir immer noch was wegnehmen.“ Sie ballt die Hände zu Fäusten, bis sie rot anlaufen, dann spricht sie weiter. „Ich krieg’ so einen Hals, wenn ich das seh. Und wennst ihnen einmal was gegeben hast, dann fragens dich immer wieder. Also ich geb’ keinen Cent mehr her!“

„Klar tut es weh so beschimpft zu werden“, sagt Michi, „aber da muss man drüberstehen“. Er selbst fühlt sich wenig angesprochen, denn er ist ja „leider“ clean. Eigentlich wäre er gern wieder abhängig meint er, denn als Süchtiger ist das Leben auf der Straße einfach erträglicher. In Zeitlupe lässt er sich auf einen Stapel Gratiszeitungen sinken und erzählt mit zittrigen Fingern langsam weiter. „Es ist ja nicht so, als wäre jeder Süchtige automatisch obdachlos“, meint er. Umgekehrt sei das aber schon so. „Weil wenn du nicht auf irgendwas drauf bist, dann packst es nicht draußen zu pennen.“ Gestern hätte er in einer runden Höhlenrutsche auf einem Spielplatz geschlafen, weil es in der Nacht so geschüttet hat und ihm die 16€ für die Jugendherberge fehlten, erzählt er. „Das kann sich ja keiner vorstellen, wie schrecklich das ist, wenn man dann nicht auf Zeugs ist. Da hab ich mir wieder einmal gedacht: Ich wär’ so gern drogenabhängig.“

Warum er nicht in einem Notquartier der Caritas schlafen würde, wird er gefragt. Michi schüttelt seinen ganzen Körper und spuckt auf den Boden. Das würde ja auch Geld kosten, schreit er. „Die Caritas schert sich einen Dreck um uns, die tun ja alle nur so. Und als junger Bursch wirst da immer benachteiligt.“ Tatsächlich bietet die Caritas Wien knapp 300 Notschlafstellen an, für die zum Teil 4€ verlangt werden. Allerdings würden rund 1000 Betten pro Nacht benötigt, die Dunkelziffer liegt wohl nahezu bei dem Doppelten.

Michi leiht sich vom Reinigungspersonal der Station eine Flasche Wasser. In Eiseskälte beginnt er unter der Brücke vor dem Handelskai sich die Schuhe zu waschen. Als die Flasche leer ist, flucht er kurz und bringt sie dann mit einem freundlichen „Danke“ zurück. Dann setzt er sich wieder auf den Stapel Zeitungen. „Wär ich auf Heroin, wär mir das alles wurscht. Da würds mir nicht so vor meinen Schuhen grausen.“, murmelt er vor sich hin. Völlig unerwartet beginnt er zu weinen.

Ein Passant sieht ihn im Vorbeigehen, kehrt am Absatz um und kommt auf ihn zu. „Hey, kann ich was für dich tun? Brauchst du was für die Nacht?“. Michi sackt in sich zusammen und nickt. Der Herr gibt ihm 10€, klopft ihm auf die Schulter und geht weiter. Für Michi ist die Nacht damit gesichert. „Wenn ich weiß, dass ich mir die Jugendherberge heute leisten kann, dann hab ich wieder einen Tag clean überstanden. Also heute besorg ich mir sicher keinen Stoff. Der Mann weiß gar nicht, was er eigentlich für mich getan hat. Das ist viel mehr, als mir ein Bett zu bezahlen.“

 

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