Warum ich noch immer helfe

Gut ein Jahr ist es nun schon her, dass ich begonnen habe jede freie Minute im Flüchtlingsheim zu verbringen. Zeit für einen Rückblick.

Seit ich letzten Sommer das erste Mal das Caritas Notquartier in der Bachofengasse betreten haben, ist viel passiert. Es gibt jetzt Besuchszeiten, fixe Bewohnerinnen und Bewohner und eigentlich ist das Haus eher eine große, chaotische Wohngemeinschaft geworden. Ich bin nicht mehr viel dort, aber zu tun gibt es dennoch genug für mich.

Damals, in den wohl historischen Tagen des September 2015, sind viele Leute in die Quartiere gekommen oder haben an den Bahnhöfen geholfen. Das war wichtig und das war großartig. Leider, so finde ich zumindest, war es das für die meisten aber auch. Die Kinder hatten endlich ein löcherfreies Paar Schuhe, die Familienväter konnten einmal ordentlich schlafen und alle hatten etwas Warmes zu essen. Es waren rührende, emotionale und sehr harte Tage für die Helferinnen und Helfer und dabei blieb es eben oftmals.

Noch immer.

Integration hört nicht bei einem frischen T-Shirt auf. Vor Kurzem sagte tatsächlich jemand zu mir: „Ah, du engagierst dich noch immer in der Flüchtlingshilfe? Aber wozu denn?“ Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Was ist das bitte für eine Aussage?

Sich für Flüchtlinge einzusetzen und zu helfen ist jetzt noch genauso wichtig wie vor einem Jahr. Ja, es wird NOCH IMMER Hilfe benötigt. Eigentlich finde ich es sogar ziemlich schockierend, wie vielen Menschen das nicht bewusst ist. Oft wird mir auch gesagt, man könne nicht mehr helfen, weil man halt keine Zeit mehr hatte seit dem letzten September. Im ganzen Jahr hattest du nicht ein einziges Mal Zeit?

Meine Tätigkeiten haben sich klarerweise geändert. Ich kann auch nicht mehr tagtäglich vor Ort sein. Aber ich habe ein Handy, ich bin erreichbar und helfen kann man auch, wenn man im Stress ist. Wie sagt man doch so schön: Wo ein Wille, da auch ein Weg.

Mittlerweile begleite ich viele Menschen zu Ämtern, um Anträge für irgendwelche Dokumente zu stellen. Ich korrigiere Deutsch-Hausaufgaben und erkläre Beistrichregeln. Ich helfe bei der Wohnungssuche und lerne Willhaben.at auswendig, wenn Möbel benötigt werden. Ich vermittle Kinderwägen und besuche neugeborene Babies und ihre Mamas im Krankenhaus.

Mag sein, dass die hochemotionalen Momente weniger geworden sind. Für mich ist diese Hilfe aber noch genauso bedeutsam wie damals. Deshalb ist es mir ein persönliches Anliegen, dass sich jede und jeder, der sich fragt, warum so viele „noch immer“ als Ehrenamtliche tätig sind, kurz Gedanken darüber macht, ob es nicht auch etwas gäbe, was er „noch immer“ machen könnte.

Danke an alle „noch immer“-Helfenden.

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