Meine erste Zeit in der Bachofengasse

Sommer 2015. Menschen flüchten, andere Menschen demonstrieren, wieder andere Menschen helfen. Ich habe geholfen.

Viele Leute sind damals zu den Bahnhöfen gefahren und haben ankommende Flüchtlinge empfangen. Es wurde geklatscht, Essen verteilt, man bekam neue Kleidung… Ihr wisst schon, wir waren ja alle live dabei. Allerdings hat es mich damals wie heute immer sehr gestört, dass jede und jeder der Ansicht war, er wäre „dabei gewesen“, nur weil das Thema in den Medien so präsent war. Die Realität sah eben doch oft anders aus.

Die Bachofengasse als Transitquartier

Meine Mutter hat mir das Helfer-Syndrom vererbt. Sicher nicht die schlechteste Eigenschaft, aber oft eine sehr schwierige. Zu viel Empathie kann gefährlich für einen selbst werden und das musste ich in diesem Sommer lernen.

Auch ich wollte, wie (zum Glück) sehr viele Wienerinnen und Wiener, anpacken und helfen. Da die Bahnhöfe ohnehin immer sehr überlaufen waren – ja, damals hat man sich noch darum „gestritten“, helfen zu können – habe ich mich dazu entschlossen, mich auf die Helferliste eines Transitquartiers zu schreiben. So kam ich in die Bachofengasse.

Viele, die noch nie in einer Flüchtlingsunterkunft waren, stellen sich die Aufgaben für einen ehrenamtlichen Helfer dort oft ein bisschen spannender vor. In der ersten Woche habe ich mit Sicherheit 80% der Zeit nur damit verbracht das WiFi-Passwort in fremde Handys mit arabischer Tastatur einzugeben. Klingt fad, war aber unfassbar wichtig! Abgesehen davon habe ich mich bemüht, ein erstes System in das Sachspendenlager zu bringen und Aufrufe für Regenjacken zu starten. Ich habe gefühlte tausend Mal in eine mit Skype verbundene Kamera gelacht und einer winkenden Mama „Merhaba!“ zugerufen.

Wenn ich diese Geschichten in meinem Bekanntenkreis so erzählt habe, ist mir oft vorgekommen, dass viele Leute einfach überhaupt nicht verstehen, warum meine Anwesenheit dort so relevant sein sollte.

Da ich als Studentin im Sommer mehr Zeit hatte, war ich täglich dort. Somit kannte ich das Haus zu Beginn besser als die meisten fixen Betreuer, die mich demnach gerne um Rat fragten. Ich habe keine Ausbildung im Sozialbereich, ich war nie dort angestellt. Ich habe schlichtweg mit den Leuten gesprochen und das war wichtiger, als ich selbst gedacht hätte.

Waid: my brother from another mother

Wenn man irgendwann zum fixen Bestandteil eines Hauses wird, wird man für viele Menschen automatisch zur Bezugsperson. Das hat mich zwar gefreut, war aber oft auch sehr hart. Ich habe viele Einzelschicksale gehört: Von verlorenen Familienmitgliedern, von zertrümmerten Häusern, von weinenden Kindern. Es hat mir viel Kraft gekostet stark zu sein. Dass mir diese fremden Menschen so viel Vertrauen schenken und solche Geschichten und Emotionen mit mir teilen, hat mich tief berührt.

Irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich habe mir lange eingeredet, dass mich das alles nicht so mitnehmen würde. Doch jeder kommt irgendwann an den Punkt, wo einfach alles raus muss. Meine ganze Arbeit hier kam mir so sinnlos vor und ich fühlte mich machtlos, weil ich niemandem dieses Elend ersparen konnte. Ich habe mich eine halbe Stunde auf der Toilette eingesperrt und bitterlichst geweint, dann ging es wieder.

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Als ich zurück in den Vorraum ging, kam mir Waid aus Syrien entgegen. (Mittlerweile ist er einer meiner besten Freunde geworden.) Davor hatten wir noch gar nicht so viel gesprochen gehabt, aber er ist ein sehr feinfühliger Mensch. Sofort hat er verstanden, was los ist und dass ich geweint hatte. Er hat mich zur Seite gezogen, fest umarmt und gesagt:

>> If you would get one Euro for every person you’ve helped today, you could buy a Limousine. <<

An diesen Satz werde ich mich mein Leben lang erinnern.

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2 Kommentare zu „Meine erste Zeit in der Bachofengasse

  1. Toll geschrieben, und es spiegelt auch meine Erfahrungen wieder die ich in der Bachofengasse gemacht habe.
    Für mich war die Zeit dort eine wichtige Erfahrung…
    Liebe Grüsse

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank, lieber Marc! Von dir freut mich das besonders. Du warst und bist ein großes Vorbild 🙂 Alles Liebe und bis hoffentlich bald in der Bachofengasse!

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